Wissenschaftlich-humanitäres Komitee

Das Wissenschaftlich-humanitäres Komitee (WhK)– die erste Bürgerrechtsorganisation Homosexueller

Am 15. Mai 1897 gründete Magnus Hirschfeld in seiner Berliner Wohnung gemeinsam mit dem Juristen Eduard Oberg, dem Verleger Max Spohr und dem Schriftsteller Franz Josef von Bülow das Wissenschaftlich-humanitäre Komitee (WhK), die weltweit erste Organisation, die sich für die Bürgerrechte Homosexueller einsetzte. Das Foto zeigt den WhK-Vorstand im Jahr 1901 (v.l.n.r.): Georg Plock, Dr. Ernst Burchard, Dr. Magnus Hirschfeld und Baron von Teschenberg.

Zu den ersten Initiativen des WhKs gehörte eine Petition zur Abschaffung des Paragraphen 175. Sie wurde bis 1904 mehrfach in Reichstag und Bundesrat eingebracht und von mehr als 2000 Vertretern aus Politik, Wissenschaft, Kultur und Wirtschaft unterschrieben. Zu den Unterzeichnern zählte auch der SPD-Vorsitzende August Bebel

Nach dem Misserfolg der ersten Petition versuchte das WhK, die breite Masse der Bevölkerung mit einer Aufklärungskampagne zu überzeugen. Die 1902 veröffentlichte Broschüre „Was soll das Volk vom dritten Geschlecht wissen“ (Foto) stützte sich argumentativ auf Magnus Hirschfelds Theorie der „sexuellen Zwischenstufen“.

Dem WhK gelang es mit seiner Aufklärungsarbeit, Verständnis für die Homosexuellen zu wecken und einen Teil der Öffentlichkeit für eine Abschaffung des § 175 zu gewinnen. Als jedoch 1907 im Zuge der Eulenburg-Affäre ein Kreis engster Berater des Kaisers der Homosexualität beschuldigt wurde und Hirschfeld in den folgenden Gerichtsverfahren die sexuelle Veranlagung der Beschuldigten als Sachverständiger begutachten musste, kippte die Stimmung. Kaiser Wilhelm II. entließ seine Berater und die Presse sah in Magnus Hirschfeld und dem WhK den „Quell all der schmutzigen Verleumdungen der letzten Monate“

Die Eulenburg-Affäre war ein herber Rückschlag im Kampf gegen die Kriminalisierung und Stigmatisierung Homosexueller. Die schwulenfeindlichen Kräfte hatten nun Oberwasser. Hatte der Preußische Justiz-Staatssekretär Nieberding Hirschfeld 1897 noch Hoffnungen auf eine Abschaffung des § 175 gemacht, so war davon keine Rede mehr. In dem 1909 vom Reichsjustizamt vorlegten Entwurf für ein neues Strafgesetzbuch war sogar eine Verschärfung des § 175 und seine Ausdehnung auf Frauen vorgesehen. Zur Strafrechtsreform kam es angesichts des heraufziehende ersten Weltkrieges jedoch nicht mehr.

Trotz des Aufblühens der Homosexuellenbewegung seit 1919 waren die politischen Perspektiven für eine Abschaffung des § 175 auch in den 20er Jahren waren nicht besonders gut. 1925 legte die neue konservative Reichsregierung einen Entwurf zur Reform des Strafgesetzbuches vor – und abermals war darin keine Aufhebung sondern sogar eine Verschärfung des § 175 vorgesehen.

Der repressive Gesetzentwurf führte dazu, dass das WhK in die Offensive ging und ein breites Bündnis für eine Strafrechtsreform schmiedete. Dieses Kartell zur Reform des Sexualstrafrechts bestand aus so unterschiedlichen Organisationen wie dem „Bund für Mutterschutz“ und dem „Verband Eherechtsreform“ und zielte darauf, das gesamte Sexualstrafrecht zu modernisieren, die Abschaffung des § 175 inbegriffen. Das Kartell entfaltete eine umfassende Lobbyarbeit, traf „maßgebliche Persönlichkeiten des Reichsjustizministeriums“ und eine Delegation „einer der großen Reichs­tagsparteien“.

Im Oktober 1929 kam es im Strafrechtsausschuss des Reichstages zur entscheidenden Verhandlung, bei der die Einführung des neuen § 296 mit denkbar knapper Mehrheit von 15 gegen 13 Stimmen abgelehnt wurde. Im neuen Strafgesetzbuch sollte die „Unzucht“ zwischen zwei erwachsenen Männern also nicht mehr betraft werden. Das war ein großer Erfolg für das WhK. Ausschlaggebend war neben den Stimmen von DDP, SPD und KPD die des nationalliberalen Ausschussvorsitzenden Wilhelm Kahl von der Deutschen Volkspartei gewesen. Die Freude des WhKs wurde jedoch getrübt durch eine Strafverschärfung im Jugendschutzgesetz. Der neue § 297 sollte erstmals nicht nur „beischlafähnliche Handlungen“ sondern „harmlose und harmloseste homosexuelle Liebesbetätigungen (sogar leidenschaftliche Küsse)“ mit Jugendlichen unter Strafe stellen.

So knapp die Mehrheit im Ausschuss gewesen war, so unsicher war sie. Ihre Gegner, insbesondere die Nationalsozialisten, gewannen zunehmend an Einfluss. Das NSDAP-Parteiorgan „Völkischer Beobachter“ kommentierte die Entscheidung zynisch: „Wir gratulieren zu diesem Erfolg, Herr Kahl und Herr Hirschfeld. Aber glauben Sie ja nicht, dass wir Deutschen solche Gesetze auch nur einen Tag gelten lassen, wenn wir zur Macht gelangt sein werden.“

Hirschfeld war für die Nazis die Inkarnation aller „boshaften Triebe der Judenseele“. Regelmäßig hetzte der Völkische Beobachter gegen die Aufklärungsarbeit des WhKs. Schon 1920 war Hirschfeld nach einem Vortrag in München von Rechtsradikalen angegriffen und schwer verletzt worden. Adolf Hitler rechtfertigte den Angriff mit den Worten: „Wäre ich hier in München gewesen, so hätte ich ihm einige Ohrfeigen gegeben, denn das, was dieser Schweinejude feilbietet, bedeutet gemeinste Verhöhnung des Volkes.“

Im März 1930 wurde schließlich im Interparlamentarischen Ausschuss für die Rechtsangleichung des Strafrechts mit Österreich mit 23 gegen 21 Stimmen beschlossen, den § 296 doch einzuführen. Zu einer Abstimmung im Reichstagsplenum kam es in Folge von Wirtschaftskrise und Notverordnungskabinetten nicht mehr. Der alte § 175 blieb unverändert bestehen.

Es war klar, dass die Machtübernahme der Nationalsozialisten auch für das Wissenschaftlich-humanitäre Komitee das Ende brachte. Für den 8. Juni 1933 lud das WhK zu den zwei letzten Mitgliederversammlungen, um über Auflösung und Verwendung des Vereinsvermögens zu beschließen. Zu diesem Zeitpunkt hatten einige WhK-Mitglieder, so z.B. Magnus Hirschfeld Deutschland bereits verlassen. Oder sie waren bereits verhaftet worden, wie Kurt Hiller, stellvertretender Vorsitzender des WhKs, der am 23. März 1933 verhaftet und ins KZ Oranienburg verschleppt wurde. Inwieweit auf die verbliebenen WhK-Mitstreiter Druck ausgeübt wurde, den Verein aufzulösen, ist nicht bekannt.


%d Bloggern gefällt das: